Stand: 31. August 2026. Dieser Beitrag erklärt die Rechtslage in Baden-Württemberg nach bestem Wissen, aber ohne Gewähr — er ist keine Rechtsberatung und ersetzt keine. Nachbarrecht ist Landesrecht: In anderen Bundesländern gelten andere Zahlen. Verbindliche Auskunft gibt deine Gemeinde oder eine Anwältin für Nachbarrecht.
Der Baum ist gepflanzt, der Nachbar steht mit dem Zollstock am Zaun — und plötzlich geht es nicht mehr um Schatten, sondern um Paragrafen. Wie nah ein Baum an die Grundstücksgrenze darf, regelt in Deutschland kein Bundesgesetz, sondern das Nachbarrechtsgesetz des jeweiligen Landes. Für Baden-Württemberg heißt das: Der Abstand hängt an der Wuchskraft der Art, und bei den großen Waldbäumen ist er größer, als die meisten denken.
Die Abstände nach dem Nachbarrechtsgesetz BW
§ 16 des Nachbarrechtsgesetzes (NRG BW) staffelt die Grenzabstände nach Gehölzgruppe. Die Werte gelten beim Pflanzen in Innerortslage, also innerhalb bebauter Ortsteile oder eines Bebauungsplans:
| Gehölzgruppe | Grenzabstand | Beispiele |
|---|---|---|
| Kleine Gehölze (§ 16 Abs. 1 Nr. 1a) | 0,50 m | Beerensträucher, Rosen, Ziersträucher, artgemäß kleine Gehölze |
| Baumschul- und Weihnachtsbaumkulturen (Nr. 1b) | 1 m | jährlich genutzte Kulturen und Weidenpflanzungen |
| Obst auf schwach oder mittelstark wachsender Unterlage (Nr. 2) | 2 m — innerorts 1 m | Birne, Pfirsich, Quitte, Sauerkirsche und ähnlich ausladende Gehölze |
| Sonstige Obstbäume (Nr. 3) | 3 m | Süßkirsche, Zwetschge, Mirabelle, Pflaume |
| Mittelgroße und schmale Bäume (Nr. 4) | 4 m | Birke, Eberesche, Erle, Robinie, Thuja, Weißbuche, Obst auf stark wachsender Unterlage, veredelte Walnuss |
| Großwüchsige Bäume (Nr. 5) | 8 m | Ahorn, Buche, Eiche, Esche, Kastanie, Linde, Pappel, Platane, Nadelbäume, unveredelte Walnuss |
Die Ermäßigung auf die Hälfte in Innerortslage gilt nur noch für die Obstgruppe der Nummer 2 — und dort wieder nicht für Baumschul- und Weihnachtsbaumkulturen und nicht für geschlossene Bestände aus mehr als drei solcher Gehölze. Für alles ab Nummer 3 gilt der volle Abstand, auch mitten im Wohngebiet.
Vorsicht mit alten Ratgebern: Bis Februar 2014 durften einzeln stehende großwüchsige Laubbäume innerorts mit 6 m Abstand gepflanzt werden. Diese Ausnahme ist gestrichen — seit dem 12. Februar 2014 gilt für großwüchsige Arten durchgehend 8 m. Merkblätter mit der 6-m-Regel kursieren trotzdem noch, auch von seriösen Absendern.
Gemessen wird am Stammfuß, nicht an der Krone
Der Abstand wird von der Mitte des Stammes an seinem Austritt aus dem Boden bis zur Grenze gemessen (§ 22 NRG BW). Was die Krone später darüber macht, spielt für den Pflanzabstand keine Rolle — dafür gibt es die Regeln zum Überhang weiter unten. Praktisch heißt das: Miss beim Pflanzen vom Wurzelhals, nicht vom Rand des Pflanzlochs, und rechne bei Hanglage vom tatsächlichen Bodenaustritt.
Die Fristen: Wann ein zu naher Baum bleiben darf
Steht ein Baum zu nah, kann der Nachbar die Beseitigung verlangen — aber nicht ewig. Nach § 26 NRG BW verjährt der Beseitigungsanspruch in fünf Jahren; bei mittelgroßen und großwüchsigen Bäumen (Nummern 4 und 5) in zehn Jahren. Die Frist beginnt am 1. Juli nach der Pflanzung. Wer die Frist verstreichen lässt, muss den Baum als solchen dulden.
Drei Ansprüche verjähren allerdings nie: das Zurückschneiden zu hoch gewachsener Hecken, die Beseitigung herüberragender Zweige und eingedrungener Wurzeln. Ein Baum kann also nach zehn Jahren unantastbar am falschen Platz stehen — was über die Grenze wächst, bleibt trotzdem dauerhaft angreifbar.
Überhang, Wurzeln, Fallobst: die BGB-Seite
- Herüberragende Zweige darf der Nachbar nach § 910 BGB selbst abschneiden — aber erst, nachdem er dem Baumbesitzer eine angemessene Frist gesetzt hat und die verstrichen ist. Der Bundesgerichtshof hat 2021 entschieden, dass dieses Selbsthilferecht sogar dann besteht, wenn der Baum durch den Schnitt seine Standfestigkeit verlieren oder absterben könnte.
- Eingedrungene Wurzeln darf der Nachbar ohne Fristsetzung kappen, soweit sie die Nutzung seines Grundstücks beeinträchtigen.
- Fallobst gehört nach § 911 BGB dem Nachbarn, auf dessen Grundstück es fällt. Hinüberlangen und pflücken ist dagegen nicht erlaubt.
- Ein Baum direkt auf der Grenze gehört beiden Nachbarn gemeinsam (§ 923 BGB) — gefällt wird er nur, wenn beide zustimmen oder einer die Beseitigung verlangen kann.
Fürs Schneiden gilt zusätzlich die Schonzeit: Zwischen dem 1. März und dem 30. September sind starke Rückschnitte und das Auf-den-Stock-Setzen von Gehölzen aus Gründen des Vogelschutzes untersagt (§ 39 Bundesnaturschutzgesetz); auch das NRG nimmt die Verkürzungspflicht in dieser Zeit aus. Form- und Pflegeschnitte bleiben erlaubt.
Sonderfälle, die oft übersehen werden
- Am Waldrand gelten die Abstände nicht. Gegenüber Grundstücken im Außenbereich, die Wald, Heide oder Ödland sind, greifen die Abstandsregeln der §§ 11 bis 17 nicht (§ 19 NRG BW). Wer neben dem Wald wohnt, kann vom Wald keinen Grenzabstand verlangen — der stand meist zuerst da.
- Hinter einer geschlossenen Einfriedigung — etwa einer blickdichten Wand — entfallen die Abstände, solange die Pflanzung die Einfriedigung nicht überragt (§ 20 NRG BW).
- Hecken haben eine eigene Regel: bis 1,80 m Höhe genügen 0,50 m Abstand, jeder Zentimeter Mehrhöhe verlangt entsprechend mehr Abstand (§ 12 NRG BW).
Und beim Pflanzen im Wald?
Unsere eigenen Pflanzungen auf der Kuchalb spielen in einer anderen Liga dieses Rechts: Aufforstung liegt im Außenbereich, die Nachbarn sind Wald, Feldwege und landwirtschaftliche Flächen — und die Abstände dorthin plant das Forstpersonal mit der Fläche, nicht die Baumpatin. Wer bei uns einen Baum pflanzen lässt, muss deshalb keinen einzigen dieser Paragrafen kennen. Wer dagegen im eigenen Garten pflanzt, findet die praktische Seite — Pflanzloch, Tiefe, Abstände untereinander — im Beitrag Wie tief und in welchem Abstand sollte ich Bäume pflanzen?.
Bleibt der wichtigste Rat, und der ist keiner aus dem Gesetz: Sprich vor dem Pflanzen mit dem Nachbarn. Eine Eiche, die in fünfzig Jahren zwanzig Meter hoch ist, pflanzt man nicht gegen jemanden, sondern neben jemandem. Die acht Meter aus § 16 sind das Minimum — der Frieden am Zaun braucht manchmal neun.
Noch einmal, weil es bei Rechtsthemen dazugehört: Stand dieses Beitrags ist der 31. August 2026, alle Angaben ohne Gewähr. Gesetze ändern sich — die 6-m-Regel oben ist das beste Beispiel. Im Zweifel gilt der aktuelle Gesetzestext, nicht dieser Beitrag.



