Was beim Binden von CO₂ eigentlich passiert
Bei der Photosynthese entzieht ein Baum der Luft über die Blätter Kohlendioxid und baut daraus mithilfe von Sonnenlicht und Wasser Zucker auf. Ein Teil dieses Zuckers wird zu Holz, Rinde und Wurzelmasse umgebaut. Der Kohlenstoff aus dem CO₂ steckt danach buchstäblich im Baum, festgelegt im Holzkörper, so lange dieser nicht verrottet oder verbrennt. Deshalb spricht man bei Bäumen von CO₂-Bindung oder -Speicherung, nicht von CO₂-Vernichtung: Der Kohlenstoff verschwindet nicht, er wechselt nur den Aufenthaltsort.
Wie viel CO₂ dabei pro Jahr gebunden wird, hängt direkt davon ab, wie viel Biomasse ein Baum in diesem Jahr zulegt, und das ist keine feste Größe, sondern ändert sich über das gesamte Baumleben hinweg erheblich.
Warum das Alter des Baums entscheidet
Ein frisch gepflanzter Setzling hat kaum Blattfläche und entsprechend wenig Photosynthese-Leistung. In den ersten Jahren bindet ein junger Baum deshalb nur einen Bruchteil dessen, was ein ausgewachsener Baum später bindet, oft nur wenige Kilogramm CO₂ im Jahr. Mit zunehmendem Alter wächst die Krone, die Blattfläche vervielfacht sich, und der jährliche Biomassezuwachs steigt über Jahrzehnte an.
Diesen Höhepunkt erreicht ein Baum meist im sogenannten Ertragsalter (je nach Art und Standort irgendwo zwischen vierzig und einhundert Jahren), wenn er kräftig wächst, aber noch nicht durch hohes Alter verlangsamt ist. Danach nimmt der jährliche Zuwachs zwar tendenziell wieder ab, doch alte Bäume tragen trotzdem am meisten insgesamt gespeicherten Kohlenstoff in sich, weil sie über Jahrzehnte hinweg Biomasse angesammelt haben.
Was die 22 Kilogramm bei Staufenwald bedeuten
Die Zahl, mit der auf dieser Seite gerechnet wird, ist ein Mittelwert für heimische Laubbäume im Ertragsalter: kein Messwert für einen bestimmten, einzelnen Baum, und schon gar nicht das, was ein frisch gepflanzter Setzling im ersten Standjahr bindet.
22 kg CO₂ pro Baum und Jahr ist ein Richtwert für den ausgewachsenen Zustand, keine zugesicherte Eigenschaft jedes einzelnen gepflanzten Baums. Ein junger Setzling bindet zu Beginn deutlich weniger (oft im niedrigen einstelligen Kilogrammbereich), und die tatsächliche Menge hängt zusätzlich von Art, Standort, Wasserversorgung und Baumgesundheit ab.
In der Fachliteratur finden sich für einen ausgewachsenen Laubbaum je nach Art, Größe und Berechnungsmethode Angaben, die grob zwischen zehn und über dreißig Kilogramm CO₂ pro Jahr liegen. Wer eine einzelne, exakte Zahl ohne diesen Rahmen präsentiert, rundet die eigentliche Unsicherheit weg.
Wofür die Zahl trotzdem nützlich ist
Auch als Mittelwert hilft die Zahl, eine abstrakte Größe greifbar zu machen: umgerechnet in Autokilometer oder Kurzstreckenflüge lässt sich besser einschätzen, was ein Baum leistet, als in nackten Kilogramm CO₂. Wichtig ist nur, sie nicht als exakte, geprüfte Messung eines bestimmten Baums misszuverstehen und erst recht nicht als Grundlage für Werbeaussagen wie „klimaneutral“ zu verwenden, denn dafür bindet ein einzelner, junger Baum in den ersten Jahren schlicht zu wenig, und die Rechtsprechung zu solchen Aussagen ist ohnehin streng.
Was tatsächlich zählt, ist, dass ein Baum überhaupt überlebt und über Jahrzehnte wächst. Deshalb spielen Standortwahl, Mischung der Arten und Schutz vor Trockenheit und Wildverbiss für die reale CO₂-Bilanz eine mindestens so große Rolle wie die Wahl der Baumart selbst.



