
Wood Wide Web: Reden Bäume wirklich miteinander?
Reden Bäume über Pilzfäden miteinander, und füttern Mutterbäume ihren Nachwuchs? Der Film prüft in knapp zehn Minuten, was davon gemessen ist und warum die Pilze für jeden neuen Wald trotzdem zählen, jede Zahl mit Quelle.
Geprüft von Pascal Wagner am .
Was im Film gesagt wird
Der Sprechtext in voller Länge, nach Kapiteln. Die Bilder zeigen dazu Stichworte und Zahlen, jede mit ihrer Quellennummer; die Quellen stehen weiter unten.
0:00Reden Bäume miteinander?
Reden Bäume miteinander?
Über ein Netz aus Pilzfäden im Waldboden, das man Wood Wide Web nennt? Und füttern alte Mutterbäume darüber ihren Nachwuchs?
So erzählen es bekannte Bücher über den Wald, und es klingt wunderschön. Wir haben nachgesehen, was davon gemessen ist.
In diesem Video klären wir, was im Boden wirklich passiert, wie aus einem Versuch ein Mythos wurde, was die Belege sagen und warum es beim Pflanzen eines Waldes trotzdem auf die Pilze ankommt.
0:33Was im Boden passiert
Die meisten Pflanzen leben nicht allein. Rund 85 Prozent aller Gefäßpflanzen, von Farnen über Gräser bis zu Bäumen, tragen Pilze an ihren Wurzeln.
Diese Verbindung heißt Mykorrhiza, auf Deutsch Pilzwurzel. Der Pilz besiedelt die feinsten Wurzelspitzen und schickt hauchdünne Fäden in den Boden, die Hyphen.
Die Fäden sind viel feiner als jede Wurzel und reichen weiter. So erreicht der Baum Nährstoffe in einem viel größeren Stück Boden.
Dafür zahlt der Baum mit Zucker aus seinen Blättern. Zurück bekommt er Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor. Bei manchen Pflanzen stammen bis zu 80 Prozent davon aus dem Pilz.
1:19Vom Versuch zum Mythos
1997 erschien in der Zeitschrift Nature ein Feldversuch aus Kanada, also ein Versuch draußen im Gelände.
Das Team markierte den Kohlenstoff, den junge Birken und junge Douglasien aus der Luft aufnahmen: Es kennzeichnete ihn so, dass man ihn messen konnte. Der markierte Kohlenstoff tauchte im jeweils anderen Baum wieder auf.
Unterm Strich gewannen die Douglasien, im Schnitt sechs Prozent ihrer eigenen Aufnahme, und der Schatten veränderte die Menge. Als Weg vermutete das Team die gemeinsamen Pilzfäden.
Beachte: Das waren zwei bis drei Jahre alte Sämlinge zweier verschiedener Arten. Keine Mutter, kein Kind.
Bald bekam das Netz einen Spitznamen, eine Anspielung auf das Internet: Wood Wide Web. Ein Jahr später stand er schon in einer Überschrift derselben Zeitschrift.
Dann wurde aus der Forschung eine Erzählung. Bekannte Bücher beschreiben, wie Bäume über das Netz miteinander reden, sich vor Schädlingen warnen und wie alte Mutterbäume ihren Nachwuchs mit Zucker versorgen.
Ein starkes Bild: der Wald als Familie, die sich kümmert. Aber stimmt es? Genau das hat ein Team aus Kanada und den USA 2023 geprüft.
2:42Was die Belege sagen
Das Team nahm drei Behauptungen auseinander, die man immer wieder liest.
Erstens: Solche Pilznetze sind in Wäldern weit verbreitet. Zweitens: Über sie fließen Stoffe, und das hilft jungen Bäumen. Drittens: Alte Bäume schicken ihrem eigenen Nachwuchs bevorzugt Nährstoffe und Warnsignale.
Zu den ersten beiden lautet das Urteil: nicht ausreichend belegt. Die Ergebnisse aus dem Freiland schwanken zu stark, lassen andere Erklärungen zu oder sind zu wenige, um zu verallgemeinern.
Und zur dritten, den Mutterbäumen, schreibt das Team: „Dafür gibt es keine begutachteten, veröffentlichten Belege.“
Noch etwas fiel auf: Der Anteil der Zitate, die mehr behaupten, als die zitierte Studie zeigt, hat sich in 25 Jahren verdoppelt.
Auch der Versuch von 1997 steht heute in der Kritik. Ein Team aus Schweden und Österreich hat ihn 2023 in einer Übersichtsarbeit neu geprüft, einer Arbeit, die viele Studien zusammen auswertet.
Im Versuch standen auch Zedern, die gar nicht am Pilznetz der anderen hängen konnten. Auch sie nahmen markierten Kohlenstoff auf. Er kann also auch auf anderen Wegen durch den Boden gewandert sein.
Das Fazit dieses Teams: Ein nennenswerter Fluss von Kohlenstoff über Pilznetze, der dem Empfänger nützt, ist bis heute nicht belegt.
Die höchste Zahl stammt aus einem Wald bei Basel. Ein Team aus der Schweiz hat dort von einem Baukran aus fast 120 Jahre alte, 40 Meter hohe Fichten mit markiertem Kohlendioxid begast.
Der markierte Kohlenstoff fand sich in den Wurzeln benachbarter Buchen, Kiefern und Lärchen. Nach der Rechnung des Teams stammten rund 40 Prozent des Kohlenstoffs in deren Feinwurzeln von anderen Bäumen.
Auch dagegen gibt es Einwände. Die markierten Fichten standen fünf Jahre lang in erhöhtem Kohlendioxid, und ein Vergleich ganz ohne Pilzverbindung fehlte. Andere Studien fanden zehn- bis zwanzigmal weniger.
Und selbst wenn die Zahl stimmt: Hier handelten erwachsene Bäume verschiedener Arten miteinander. Über Fürsorge für den eigenen Nachwuchs sagt das nichts.
In einem Topfversuch aus Göttingen von 2024 gaben junge Buchen markierten Kohlenstoff an die Pilze an den Wurzeln ihrer Nachbarn ab.
Doch er blieb im Pilzgewebe. Im Gewebe des Nachbarbaums kam er nicht an. Geteilt wurde unter den Pilzen, nicht unter den Bäumen.
5:29Warum die Pilze trotzdem zählen
Heißt das, das Wood Wide Web gibt es gar nicht? So einfach ist es nicht. Es gibt Pflanzen ganz ohne Blattgrün, die genau davon leben: Sie zapfen über Pilzfäden den Zucker grüner Nachbarn an.
Ein Forschungsteam schrieb 2024, das sei ein natürlicher Beleg, dass solche Netze gerade in Wäldern verbreitet sind. Die Forschung ist sich also nicht einig, wie verbreitet die Netze sind und wie viel durch sie fließt.
Gut belegt ist der Handel zwischen Baum und Pilz. Und aus Versuchen weiß man: Ohne Mykorrhizapilze sind Waldbäume anfälliger, für Krankheiten an der Wurzel und für Stress wie Trockenheit und Frost.
Wie viel Wasser die Pilze dem Baum direkt bringen, ist dagegen weniger klar. In manchen Versuchen überstehen Pflanzen mit Pilz die Dürre besser, in anderen nehmen ihre Wurzeln sogar weniger Wasser auf.
Auch Warnsignale über Pilzfäden sind im Versuch gezeigt, an Tomaten und Ackerbohnen. Für alte Bäume, die ihren Nachwuchs warnen, fehlt der Nachweis.
Und jetzt der Teil, der für jeden neuen Wald zählt: Jede Baumart hat ihre eigenen Pilzpartner.
Bei Eiche, Buche und Linde legt sich der Pilz wie ein Mantel um die Wurzelspitze. Fachleute sagen Ektomykorrhiza.
Bei Ahorn und Kirsche wächst er in die Zellen der Wurzel hinein. Das ist die zweite Form, die arbuskuläre Mykorrhiza. Ein Ahorn hängt deshalb nicht am Netz der Mantelpilze einer Buche.
Ein Team aus Göttingen hat im Nationalpark Hainich die Wurzeln von Buchen, Linden und Hainbuchen untersucht. Rund sechs von zehn Pilzarten saßen nur an einer einzigen Baumart.
Wer viele Baumarten pflanzt, gibt also vielen Pilzarten einen Partner. Ein Merkblatt der Schweizer Forschungsanstalt für Wald fasst es so zusammen: je mehr Baumarten, desto mehr Arten von Mykorrhizapilzen.
Ganz so einfach ist es aber nicht. In einem Pflanzversuch in Sachsen-Anhalt fanden sich unter gemischten Gruppen sogar weniger Arten der zweiten Pilzform als unter deren Baumarten allein, etwa Ahorn, Kirsche und Esche. Es zählt also nicht nur, wie viele Baumarten zusammenstehen, sondern auch, welche.
7:56Kurz zusammengefasst
Kurz zusammengefasst.
Baum und Pilz handeln miteinander, Zucker gegen Nährstoffe. Das ist gut belegt.
Pilznetze zwischen Bäumen gibt es. Wie verbreitet sie sind und wie viel durch sie fließt, ist offen.
Für Mutterbäume, die ihren Nachwuchs gezielt füttern, gibt es keinen begutachteten Beleg.
Und jede Baumart bringt eigene Pilzpartner mit.
Bäume reden also nicht so, wie es oft erzählt wird. Spannend bleibt der Boden trotzdem. Welches Waldthema sollen wir als Nächstes prüfen? Schreib es in die Kommentare. Und wenn du solche Faktenchecks magst, abonnier den Kanal.
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8:38In eigener Sache (Werbung)
Jetzt noch kurz in eigener Sache: Dieses Video ist von Staufenwald. Wir sind ein Unternehmen und pflanzen Mischwald auf der Schwäbischen Alb.
Wir pflanzen fünf Baumarten. Traubeneiche, Rotbuche und Winterlinde leben vor allem mit der Mantelform, Bergahorn und Vogelkirsche vor allem mit der zweiten Form. Damit stehen in unserem Mischwald Bäume beider Pilzformen.
Mehr Baumarten heißen mehr mögliche Pilzpartner. Wie viele Pilzarten auf unseren Flächen tatsächlich leben, haben wir nicht gemessen.
Wer bei uns einen Baum pflanzen lassen möchte: Alles dazu steht auf staufenwald.de und in der Beschreibung.
Die Beschreibung mit dem Link ist die auf YouTube; hier steht der Weg zum Angebot unter dem Film.
Quellen
Nummern wie im Film.
- [1]Trends in Plant Science: Mother trees, altruistic fungi, and the perils of plant personification (2024), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [2]New Phytologist: Evolutionary history of mycorrhizal symbioses and global host plant diversity (2018), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [3]WSL auf waldwissen.net: Mykorrhizapilze, die geheimen Helfer im Wald (2022), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [4]New Phytologist: Mycorrhizal ecology and evolution: the past, the present, and the future (2015), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [5]Nature: Net transfer of carbon between ectomycorrhizal tree species in the field (1997), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [6]Nature: Ploughing up the wood-wide web? (1998), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [7]Nature Ecology & Evolution: Positive citation bias and overinterpreted results lead to misinformation on common mycorrhizal networks in forests (2023), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [8]New Phytologist: Re-examining the evidence for the mother tree hypothesis: resource sharing among trees via ectomycorrhizal networks (2023), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [9]Universität Basel (idw): Überraschung im Wald: Bäume tauschen untereinander Kohlenstoff aus (2016), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [10]IFAB: Laws of the Game, Law 1: The Field of Play (Goals) (2026), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [11]Science: Belowground carbon trade among tall trees in a temperate forest (2016), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [12]New Phytologist: Ectomycorrhizal fungi of Douglas-fir retain newly assimilated carbon derived from neighboring European beech (2024), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [13]Nature Plants: Mycoheterotrophy in the wood-wide web (2024), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [14]WSL: Mykorrhiza. Eine faszinierende Lebensgemeinschaft im Wald (2011), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [15]Mycorrhiza: Ectomycorrhizas and water relations of trees: a review (2011), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [16]Ecology and Evolution: Temporal variation of mycorrhization rates in a tree diversity experiment (2023), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [17]Mycorrhiza: Host preferences and differential contributions of deciduous tree species shape mycorrhizal species richness in a mixed Central European forest (2011), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [18]Ecology and Evolution: Mixing tree species associated with arbuscular or ectotrophic mycorrhizae reveals dual mycorrhization and interactive effects on the fungal partners (2021), abgerufen am 22. Oktober 2026
- [19]Staufenwald: Baumarten: fünf Arten, ein Mischwald (Oktober 2026), abgerufen am 22. Oktober 2026
Mehr dazu im Ratgeber




Der Film ist von Staufenwald. Wir forsten an der Schwäbischen Alb auf, auf der Kuchalb mit fünf heimischen Laubbaumarten, auf der Lützelalb mit Weißtannen, und wer möchte, lässt dort einen Baum pflanzen.
