
Waldsterben 2.0: Was diesmal anders ist und was hilft
Nur jeder fünfte Baum in Deutschland trägt noch eine volle Krone. Der Film erklärt in neun Minuten, was diesmal anders ist als in den Achtzigern und was dem Wald jetzt hilft, jede Zahl mit Quelle.
Geprüft von Pascal Wagner am .
Was im Film gesagt wird
Der Sprechtext in voller Länge, nach Kapiteln. Die Bilder zeigen dazu Stichworte und Zahlen, jede mit ihrer Quellennummer; die Quellen stehen weiter unten.
0:00Stirbt der deutsche Wald wieder?
Nur jeder fünfte Baum in Deutschland trägt noch eine volle Krone.
Schon einmal war das Waldsterben hier das große Thema. Damals lag die Ursache in der Luft, und man hat sie abgestellt.
Heute fehlt dem Wald vor allem Wasser. Und ein Käfer von rund fünf Millimetern gibt geschwächten Fichten den Rest.
In den nächsten neun Minuten klären wir, was diesmal anders ist, warum es ausgerechnet die Fichte trifft und was dem Wald jetzt wirklich hilft.
0:31Waldsterben in den 70ern und 80ern: Was damals half
Zuerst ein Blick zurück.
Ab den Siebzigerjahren rüttelten Schlagzeilen über das Waldsterben die Menschen in Deutschland auf.
Die Ursache hieß Schwefeldioxid. Es entstand beim Verbrennen schwefelhaltiger Brennstoffe, etwa in Kraftwerken, und machte Regen und Böden sauer.
1984 begann deshalb die Waldzustandserhebung. Seitdem schauen Fachleute jedes Jahr in die Kronen der Bäume.
Und die Politik handelte: Kraftwerke bekamen Anlagen zur Rauchgasentschwefelung, Brennstoffe wurden schwefelärmer.
Seit 1990 ist der Ausstoß von Schwefeldioxid in Deutschland um 96 Prozent gesunken. Die Böden erholen sich, wenn auch langsam.
Das alte Waldsterben hatte also eine Quelle, die man abstellen konnte. Das neue lässt sich nicht einfach wegfiltern.
1:30Hitze und Dürre: Was heute anders ist
Denn diesmal geht es ums Klima.
Laut Deutschem Wetterdienst ist es in Deutschland heute rund 2,5 Grad wärmer als in der frühindustriellen Zeit.
Die zehn wärmsten Jahre seit Beginn der Messungen liegen alle in den letzten 25 Jahren.
Für Bäume zählt aber vor allem eines: Wasser.
Ab 2018 folgten mehrere Dürrejahre dicht aufeinander.
Die Dürre im Sommer 2022 war in Mittel- und Südeuropa die extremste seit 1960. Forschende des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung führen rund ein Drittel davon auf den Klimawandel zurück.
Und auch 2025 war die Zeit von Februar bis Mai so trocken wie noch nie seit Beginn der Auswertungen.
Fehlt Wasser, geraten Bäume unter Stress. Sie wachsen weniger und können sich schlechter wehren.
Die Folgen sind messbar. Bis 2018 starb im Schnitt etwa ein viertel Prozent der Nadelbäume, danach waren es über zwei Prozent.
Geschwächte Bäume sind leichte Beute. Und genau darauf wartet ein Käfer.
2:46Der Borkenkäfer (Buchdrucker) erklärt
Sein Name: Buchdrucker. Er ist vier bis fünfeinhalb Millimeter groß und lebt fast nur an Fichten.
Ab etwa 16,5 Grad schwärmt er aus.
Er bohrt sich durch die Rinde und legt darunter seine Brut an.
Die Larven fressen Gänge in die Bastschicht direkt unter der Rinde. Damit unterbrechen sie den Nährstofftransport des Baumes.
Eine gesunde Fichte wehrt sich mit Harz. Doch greifen einige hundert Käfer gleichzeitig an, ist diese Abwehr überwunden. Bei Trockenheit geht das noch leichter.
Und jede befallene Fichte stirbt ab.
Wie schnell sich das ausbreitet, zeigt eine Rechnung der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft.
In einem guten Käferjahr fliegen aus einer einzigen alten Fichte mindestens 20.000 Käfer aus.
Die können zwanzig weitere Bäume befallen. Und deren Nachwuchs schon rund vierhundert.
Dazu kommt: Je nach Wetter schafft der Käfer heute zwei bis drei Generationen im Jahr.
Förster suchen deshalb im Sommer alle ein bis zwei Wochen nach frischem Bohrmehl am Stamm. Nur wer befallene Fichten früh findet und aus dem Wald bringt, bremst den Käfer.
Bleibt die Frage: Warum stehen in Deutschland überhaupt so viele Fichten?
4:13Die Fichte: vom Brotbaum zum Problembaum
Die Fichte ist neben der Kiefer die häufigste Baumart im deutschen Wald.
Von Natur aus mag sie es kühl und feucht, wie in den Bergen.
Weil sie schnell und ertragreich wächst, wurde sie aber seit Jahrhunderten weit darüber hinaus gepflanzt. Forstleute nannten sie den Brotbaum.
Ihr Haken liegt unter der Erde: Die Wurzeln der Fichte bilden einen flachen Teller. Bei Sturm kippt sie deshalb leichter um.
Und reine Fichtenbestände sind für Borkenkäfer ein gedeckter Tisch.
Sturm, Trockenheit und dann der Käfer: Seit 2012 ist die Fläche der Fichte in Deutschland um 17 Prozent geschrumpft.
Forstleute sagen inzwischen: Aus dem Brotbaum ist ein Problembaum geworden.
Doch wie groß ist der Schaden insgesamt?
5:08Das Ausmaß in Zahlen
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat dafür Satellitenbilder ausgewertet.
Seit Herbst 2017 sind auf mehr als 900.000 Hektar die Baumkronen verschwunden. Das sind 8,5 Prozent der deutschen Waldfläche.
Mitgezählt ist jeder Verlust, also auch Bäume, die geerntet wurden.
Die Bundeswaldinventur fand Schäden durch Sturm, Dürre oder Insekten auf zwei Millionen Hektar, fast jedem fünften Hektar Wald.
Der Wald wächst auch langsamer: Der jährliche Holzzuwachs liegt 16 Prozent unter dem Wert von 2012.
Und der Wald hat die Seiten gewechselt.
Von 1991 bis 2017 holte er jedes Jahr im Schnitt rund 54 Millionen Tonnen CO₂ aus der Luft.
Von 2017 bis 2022 verlor er dagegen 41,5 Millionen Tonnen Kohlenstoff. Er wurde zur Quelle.
Es trifft auch nicht nur die Fichte. 2025 hatte bei der Eiche jeder zweite Baum eine stark gelichtete Krone, bei Buche und Fichte mehr als jeder dritte.
Erholt hat sich der Wald von den Dürrejahren bis heute nicht.
Was lässt sich also tun?
6:34Was jetzt hilft: Waldumbau und Mischwald
Die wichtigste Antwort der Forstleute heißt Waldumbau.
Weg von Beständen aus nur einer Baumart, hin zu gemischten Wäldern, die zum Standort passen.
Das Umweltbundesamt schreibt solchen Wäldern eine höhere Widerstandskraft gegen Extremwetter und Schädlinge zu.
Und die Satellitendaten zeigen: Reine Bestände aus Fichte, Kiefer oder Buche sind besonders gefährdet. Mischwälder verteilen das Risiko besser.
Der Gedanke dahinter: Niemand weiß genau, welches Klima ein Baum erleben wird, der heute gepflanzt wird. Wer mischt, setzt nicht alles auf eine Karte.
Der Umbau läuft bereits. Seit 2012 ist die Fläche der Laubbäume um sieben Prozent gewachsen, vor allem durch aktiven Waldumbau.
Vieles wächst dabei von selbst: Der junge Wald entsteht zu 91 Prozent aus Naturverjüngung, also aus den Samen der Bäume ringsum.
Wo zu wenig nachkommt, wird gepflanzt. Bund und Länder fördern Waldumbau und Wiederaufforstung.
Eine Hürde dabei sind Rehe. Sie fressen gern an jungen Bäumen, und mancherorts kommen deshalb gerade Eiche und Tanne kaum hoch.
7:52Fazit in 30 Sekunden
Kurz zusammengefasst.
Das Waldsterben von damals kam aus der Luft, und seine Ursache ließ sich abstellen.
Das heutige kommt mit Hitze und Dürre, und der Borkenkäfer nutzt jede Schwäche.
Am härtesten trifft es Fichten, die außerhalb ihrer natürlichen Heimat gepflanzt wurden.
Die Antwort ist kein Filter, sondern ein gemischter Wald. Und der braucht Jahrzehnte.
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8:28In eigener Sache (Werbung)
Jetzt noch kurz in eigener Sache: Dieses Video ist von Staufenwald. Wir sind ein Unternehmen und pflanzen seit 2019 auf der Schwäbischen Alb Mischwald aus fünf heimischen Laubbaumarten.
Gesetzt und gepflegt von Forstleuten, jeder Setzling mit Verbissschutz. 2.500 Bäume sind es bisher.
Wer bei uns einen Baum pflanzen lassen möchte, findet den Link in der Beschreibung.
Die Beschreibung mit dem Link ist die auf YouTube; hier steht der Weg zum Angebot unter dem Film.
Quellen
Nummern wie im Film.
- [1]Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat: Waldzustandserhebung 2025: Waldumbau stärkt die Zukunft unserer Wälder, Pressemitteilung 44/2026 (19. Mai 2026), abgerufen am 9. Oktober 2026
- [2]Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft: Buchdrucker und Kupferstecher, abgerufen am 10. Oktober 2026
- [3]Umweltbundesamt: 45 Jahre Genfer Luftreinhaltekonvention, abgerufen am 9. Oktober 2026
- [4]Umweltbundesamt: Schwefeldioxid-Emissionen, abgerufen am 9. Oktober 2026
- [5]Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat: Ergebnisse der Waldzustandserhebung 2025, abgerufen am 11. Oktober 2026
- [6]Gesellschaft Deutscher Chemiker: Rauchgasentschwefelung, experimentell im Chemieunterricht erkundet, abgerufen am 11. Oktober 2026
- [7]Deutscher Wetterdienst: Pressemitteilung zur Klima-Pressekonferenz vom 1. April 2025 (1. April 2025), abgerufen am 9. Oktober 2026
- [8]Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ): Pressemitteilung 39/2024 zur Dürre 2022 (21. Oktober 2024), abgerufen am 9. Oktober 2026
- [9]Deutscher Wetterdienst: Klimastatusbericht 2025 (31. März 2026), abgerufen am 10. Oktober 2026
- [10]Thünen-Institut für das BMLEH: Bundeswaldinventur: Zusammenfassung (8. Oktober 2024), abgerufen am 10. Oktober 2026
- [11]Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ): März 2024: Ist die Dürre vorbei? (11. März 2024), abgerufen am 9. Oktober 2026
- [12]Europäische Zentralbank: Gemeinsame Seiten der Euro-Münzen, abgerufen am 11. Oktober 2026
- [13]Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt: Integrierte Bekämpfung rindenbrütender Borkenkäfer, Praxis-Information Nr. 1 (April 2015), abgerufen am 11. Oktober 2026
- [14]Eidgenössische Forschungsanstalt WSL: Die Biologie des Buchdruckers, abgerufen am 9. Oktober 2026
- [15]Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg auf waldwissen.net: Die Fichte: Des einen Freud', des anderen Leid?, abgerufen am 9. Oktober 2026
- [16]Eidgenössische Forschungsanstalt WSL auf waldwissen.net: Die Fichte (Picea abies), abgerufen am 9. Oktober 2026
- [17]Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg auf waldwissen.net: Klimawandel: Wälder erfolgreich umbauen trotz Wildverbiss (2021), abgerufen am 9. Oktober 2026
- [18]Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt: Satellitendaten für deutsche Wälder in Not (23. September 2025), abgerufen am 9. Oktober 2026
- [19]Umweltbundesamt: Emissionen der Landnutzung, -änderung und Forstwirtschaft, abgerufen am 9. Oktober 2026
- [20]Umweltbundesamt: Angepasster Waldumbau, abgerufen am 9. Oktober 2026
Mehr dazu im Ratgeber






Der Film ist von Staufenwald. Wir forsten an der Schwäbischen Alb auf, auf der Kuchalb mit fünf heimischen Laubbaumarten, auf der Lützelalb mit Weißtannen, und wer möchte, lässt dort einen Baum pflanzen.
